Botox gegen Depressionen?

In Deutschland gibt es nach Angaben der WHO ungefähr vier Millionen Menschen, die an Depressionen leiden. Die Zahl derer, die im Verlauf ihres Lebens an einer Depression erkranken, ist jedoch noch wesentlich höher. Die Krankheit verläuft in Phasen. Sie kann Wochen bis Jahre andauern und tritt bei Nichtbehandlung immer wieder auf. Umso wichtiger ist es, die richtige Behandlung für jeden individuell zu finden.
Es hat sich gezeigt, dass eine Psychotherapie verbunden mit einer Medikation bisher die besten Ergebnisse in der Heilung aufweist. Durch zahlreiche Studien und Forschungen werden auch immer wieder neue Wege gefunden, um Betroffenen zu helfen. Neue Studien zeigen, dass auch Botox gegen Depressionen helfen kann. Doch wie ist das möglich?

Die Facial-Feedback-Theorie

Es gibt einen einfachen Trick, mit dem man nachvollziehen kann, was mit dem Körper passiert, wenn bestimmte Muskelpartien ge- oder entspannt sind. Klemmen Sie sich zum Beispiel einen Stift zwischen die Zähne. Das aktiviert zwangsläufig die Muskeln, welche wir auch anspannen, wenn wir lächeln. Das Gehirn lässt sich durch dieses simulierte Lächeln täuschen und die Stimmung hellt sich auf.

Genauso funktioniert der Effekt auch bei der Behandlung mit Botox, nur im umgekehrten Sinne. Muskeln auf der Stirn, welche sich bei Stress oder durch angestrengtes Nachdenken zusammenziehen, können tiefe Furchen hinterlassen. Sie wirken angespannt und zornig, auch wenn Sie das vielleicht nicht sind.

Wird Botox zur Entspannung der Muskeln in die bestimmten Bereiche gespritzt, glätten sich nicht nur die Furchen, sondern dem Gehirn wird eine Entspannung quasi vorgegaukelt. Das funktioniert, indem emotionale Gesichtsausdrücke ein sensorisches Feedback vonseiten der mimischen Muskulatur und der Haut an emotionsverarbeitende Bereiche des Gehirns weiterleiten.

Dieses Phänomen lässt sich auf die Facial-Feedback-Theorie von William James und Charles Darwin aus dem 19. Jahrhundert zurückführen, welche besagt, dass Mimik nicht nur die Stimmung ausdrücken kann, sondern diese auch reguliert.

Studien zeigen deutliche Stimmungsaufhellungen

Die Theorie wurde in verschiedenen Studien auf ihre Richtigkeit hin untersucht. Die Studien behandelten die Frage, ob Botox Depressiven dabei helfe, ihre Symptome zu lindern oder gar ganz zu heilen. Die erste Studie begann 2012. Hier wurde geprüft, ob eine Injektion mit Botulinumtoxin in der sogenannten Glabella-Region, der unteren mittleren Stirn, die depressiven Symptome beeinflussen kann.

Es nahmen 30 Menschen teil, die aufgrund ihrer Depressionen schon in Behandlung waren oder auf die gängigen Methoden nicht angesprochen hatten. Die eine Hälfte der Patienten bekam eine Injektion mit Omabotulinumtoxin A an fünf Stellen der Glabella-Region. Die andere Hälfte bekam an den gleichen Stellen ein Placebomedikament, bestehend aus einer physiologischen Kochsalzlösung.

Bereits nach zwei Wochen zeigten die Probanden, welche mit Botox behandelt worden waren, eine geringere depressive Symptomatik. Nach sechs Wochen hatte sich bei 60 Prozent der mit Botox Behandelten die Schwere der Symptome um die Hälfte reduziert. Bei den Studienteilnehmern, welchen das Placebomedikament verabreicht worden war, verbesserte sich die Stimmung dagegen nur geringfügig.

Vorteile und Risiken einer Behandlung mit Botox gegen Depressionen

Eine Behandlung mit Botox bei Depressionen mag im ersten Moment seltsam klingen, doch bietet sie eine Reihe von Vorteilen für die Betroffenen: Der Wirkstoff ist erprobt und gilt als sehr sicher und gut verträglich. Der Effekt einer einzelnen Behandlung hält zwischen drei und sechs Monaten an. Die Behandlung ist zudem im Vergleich zu Antidepressiva relativ günstig und dauert in der Regel nur etwa eine halbe Stunde.

Trotz allem ist davon abzuraten, Botox als das Wundermittel gegen Depressionen anzusehen. Es kann als ein einzelner Baustein bei der Behandlung dienen, jedoch nicht die Ursachen einer Depression beseitigen. Gesprächstherapien und Medikamente können durch den Einsatz von Botox allenfalls ergänzt, aber nicht ersetzt werden. Zudem ist die Methode nicht für alle Patienten geeignet, die Depressionen haben: Bei an Demenz leidenden Patienten, welche gleichzeitig depressiv sind, ist beispielsweise von einer Botox-Behandlung abzuraten, da Angehörige oder Ärzte stark auf die authentische Mimik der Kranken angewiesen sind.

Trotzdem: Die Erkenntnis, dass mit Botox bestimmte Regionen im Gehirn angeregt werden können, um eine psychische Veränderung zu erzielen, kann auch für andere psychische Erkrankungen interessant sein. Für die Mediziner heißt es in Zukunft: Weiterforschen! – Und für Betroffene: Gespannt sein, welche neuen Entwicklungen das Leben in Zukunft unbeschwerter machen können.

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